“Knüppel zwischen den Beinen”
bei ambulanter psychiatrischer Versorgung am Beispiel der Soziotherapie
 
“Die Unzulänglichkeiten des gegliederten Systems der sozialen Sicherung in Deutschland schlagen sich insbesondere bei der Behandlung und Betreuung psychisch kranker Menschen nieder. Der Entstehungszusammenhang im Hinblick auf die ambulante Soziotherapie nach § 37a SGB V ist hierfür ein klassisches Lehrbeispiel.
 
In dem 3-jährigen Modellprojekt konnte der Nachweis geliefert werden, dass Soziotherapie ein praktikables und wirksames Instrument zur Rezidivprophylaxe darstellt. Es konnte auch belegt werden (soweit dies in einem Projekt mit nur 3-jähriger Laufzeit möglich ist), dass den Ausgaben für Soziotherapie ganz erhebliche Einsparungen an stationären Behandlungskosten gegenüberstehen [1].
 
Seit 10 Jahren ist Soziotherapie verordnungsfähig. Bis heute ist es in den meisten Bundesländern nicht gelungen, eine flächendeckende Versorgung mit Soziotherapie auch nur in Ansätzen zu erreichen [2]. Den Großstädten, wo Soziotherapie am ehesten zum Einsatz kommt, stehen große Flächenregionen gegenüber, in denen Soziotherapie noch nie oder nur in wenigen Fällen verordnet wurde.
Das Scheitern der Soziotherapie war durch 2 Bedingungen vorprogrammiert: durch unrealistisch hohe Ansprüche an die Qualifikations- und Erfahrungsprofile der zuzulassenden Leistungserbringer und durch prohibitiv niedrige Vergütungssätze. Die Stundenvergütungen der Soziotherapeuten variieren zwischen 28 € in Thüringen und 44,90 € in Bremen. In vielen Diensten war die soziotherapeutische Leistungserbringung bisher nur durch Querfinanzierung aus anderen Leistungsbereichen möglich, was kein tragfähiges Finanzierungsmodell sein kann. Die verordnungsberechtigten Nervenärzte/Psychiater beklagen einen zu hohen administrativen Aufwand für die Antragstellung und eine nicht annähernd kostendeckende Vergütung für die von den Durchführungsrichtlinien geforderten Abstimmungen mit den soziotherapeutischen Leistungserbringern.
Was bleibt, wenn wir uns aus den Niederungen der Interessenpolitik begeben? Seit 30 Jahren wird versucht, ambulante Komplexleistungsprogramme für schwer psychisch Kranke in die Regelversorgung einzuführen.
Die meisten Ansätze sind gescheitert, angefangen von den Versuchen im Modellprogramm Psychiatrie der Bundesregierung in den 80er-Jahren, Sozialarbeiter in die Praxen niedergelassener Psychiater zu integrieren, was schon daran gescheitert ist, dass niedergelassene Psychiater dieses unternehmerische Risiko nicht tragen konnten oder wollten. Die ambulante Soziotherapie ist gescheitert, weil die Krankenkassen ihr Misstrauen gegenüber diesem Komplexleistungsprogramm nicht überwinden konnten oder wollten. Die ambulante Soziotherapie ist zu einem Nischenprodukt geworden. An wem wird die integrierte Versorgung scheitern, bzw. wessen Interessen steht jetzt dieses Modell entgegen?

Zusammenfassend können wir uns alle fragen, wieso sich die psychiatrische Versorgung immer unter das Primat der Kostenreduktion stellen lässt? Das Credo der Kostenreduktion haben fast alle auf ihre Fahnen geschrieben, während die anderen medizinischen Fächer oft hemmungslos zu expandieren scheinen. Es wäre an der Zeit, dass wir die Qualität der psychiatrischen Versorgung Vorrang gegenüber Kostenaspekten geben.

Den gesamten Text finden Sie unter folgendem Link:

https://www.thieme-connect.com/ejournals/html/10.1055/s-0032-1304856